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Leben auf freiem Fuß

primal movesPosted by Mark Tue, February 16, 2010 15:58:34
Barfuß laufen ist ein zutiefst menschliches Verhalten, auch wenn die letzten 8000 Jahre unseres Daseins auf diesem Planeten einen anderen Eindruck vermitteln. Dieser Eintrag soll helfen einen Wiedereinstieg in Natürliche Bewegungsmuster zu finden, und natürliches Gehen und Laufen ist die Basis von allem.


Gepolsterte Wahrnehmung


Anfangs ein Gedankenexperiment: Stell Dir vor, man hätte Dir direkt nach deiner Geburt dicke Fausthandschuh über die Hände gezogen, und von da an wärst Du die ganze Zeit deines Lebens mit diesen Handschuhen herum gelaufen, du hättest sie nur zum schlafen und waschen ausgezogen, vielleicht auch mal im Sommer am Strand, um ein wenig im Sand zu spielen. Ansonsten waren Deine Hände immer in Handschuhen.

Wie würden solche Hände aussehen? Wahrscheinlich blaß-rosa, weich und aufgedunsen, kraftlos und überempfindlich für Berührungen, sie wären schwitzig und würden müffeln und wahrscheinlich hättest du sogar Handpilz. Du würdest Muskelschmerzen bekommen beim Versuch eine Faust zu machen, und Hautabschürfungen bekommen, wenn du eine Hauswand berührst. Geschweige denn Du müsstest ein Konservenglas öffnen oder mit einem Stift schreiben.

Und wie entsetzlich wäre der Gedanke die Handschuh auf einmal weg zu lassen? Niemals, Du könntest Dich verletzen. Und schmutzig werden. Und...

Übertreibe ich? Bestimmt sogar, aber ich denke, die Botschaft ist deutlich geworden.


Früher...


ganz viel früher, nämlich vor mehr als 12 000 Jahren, vor der Erfindung von Landwirtschaft und Viehzucht, vor dem Bau von Häusern und Straßen, liefen wir Menschen barfuß über die Erde. Über Felsen, durch Gebüsch und Wälder, durch Matsch und Eis. Menschen wie wir heute auch. Denn die Evolution ist ein sehr langsamer Prozess. Bereits vor 40 000 Jahren waren wir auf dem selben Entwicklungsstand wie heute auch noch, seit dem haben die Veränderungen in unserer genetischen Anpassung nur 0,02 % betragen (nach L. Cordain in The Paleodiet, John Wiley & Sons,Inc. 2002). Die Entwicklungsgeschichte der aufrecht gehenden Hominiden hingegen ist schon 2 Millionen Jahre alt. Innerhalb dieses unvorstellbar langen Zeitraumes haben haben die Anpassungen stattgefunden,

als deren vorläufiges Ergebnis Homo sapiens heraus gekommen ist. Das bedeutet: unser Entwicklungsstand zur Zeit ist Altsteinzeitlich.


Das 21. Jahrhundert der Steinzeit


Für mich persönlich ist diese Tatsache schon Grund genug, die Schuhe weg zu lassen und mich wie meine Vorfahren fort zu bewegen. Wer noch mehr Beweise braucht, die die Vorteile des Barfußlaufens belegen, der dürfte im Internet schnell fündig werden.

Bei mir war die Entwicklung eher umgekehrt, d.h. ich habe angefangen wie jeder heutzutage auch, habe mir Laufschuhe gekauft und bin los gelaufen - aber es fühlte sich nie richtig gut an. Mit dem Gedanken im Hinterkopf, daß eigentlich kein Lebewesen auf diesem Planeten Schuhe trägt (Menschen eingeschlossen), habe ich begonnen barfuß zu laufen. Es tat weh, ich hatte Muskelkater, Blasen und Kratzer - aber es fühlte sich richtig an! Und als die Muskulatur da war und die Hornhaut an den richtigen Stellen, war mir klar: So laufen Menschen. So sollten sie laufen. Erst da habe ich angefangen zu recherchieren und, siehe da, mich bestätigt zu sehen. Und ich möchte jeden dazu ermuntern, die Suchmaschine an zu werfen und sich selbst zu überzeugen. Nur Barfußlaufen ist anatomisch richtiges, artgerechtes Laufen.

Und so möchte ich direkt übergehen zum


Training


Es ist nicht ratsam, einfach die Schuhe weg zu werfen und los zu rennen. Das schadet mehr als es nützt. Gerade wer noch nie oder nur sehr selten barfuß gelaufen ist, sollte ganz langsam beginnen. Es gibt im Grunde genommen drei Probleme zu bewältigen:

1. die Fußmuskulatur muß sich bilden,

2. die Fußsohle muß robuster werden, und

3. man muß sich trauen, in einer Welt von Schuhe tragenden Mitmenschen.

Die ersten beiden Punkte sind eine körperliche Herrausforderung, der dritte eine psychologische. Aber der Reihe nach:

zu 1. Durch das Gehen und Laufen in dicksohligen, gepolsterten Schuhen ist normalerweise die Fußmuskulatur ziemlich verkümmert, oft auch geschädigt. Wie bei anderer Muskelaufbauarbeit auch, sollte man die (durchaus vorhandenen) Muskeln an ihre neue Aufgabe gewöhnen. Damit kann man zu Hause beginnen: Hausschuhe aus, Socken aus, einfach rumlaufen. In der Wohnung, die Treppe runter in den Keller, in den Garten raus, durch den Hausflur auf den Dachboden zum Wäsche aufhängen, ums Haus rum zum Mülleimer, und und und. Eine Übung mit Ball, zum Musik hören oder vor dem Fernseher: Auf ein Bein stellen, mit dem anderen Fuß den Ball (egal was für einen) langsam mit dem Ballen hin und her bewegen, also nach links rollen, abstoppen, zurückrollen, wieder stoppen, usw., dann das Bein wechseln. Als nächstes mit den Zehen einen Gegenstand anheben, ein Tuch, einen Stift, ... Diese Übungen erfordern Muskeln, die Du vielleicht zum ersten Mal benutzt, und die diese Bewegungen erst lernen müssen, also: Geduld. Nach und nach stärken sie nicht nur die Muskeln im Fuß, die mit dem Ball oder Stift beschäftigt sind, sondern auch das Fußgelenk des Standbeins, welches das Gleichgewicht halten muß.

Nun kann man sich auch nach draußen trauen. Such dir eine Wiese, einen sandigen Weg und geh einfach ein paar Minuten. Probier verschiedene Untergründe aus: Beton, Asphalt, Kies, Rasen, Rindenmulch, ...

Mach dir keine Gedanken über hart und weich. Das Abfedern der Auftreffkraft des Fußes übernimmt nicht der Untergrund, sondern der Körper. Er ist dafür entwickelt, er muß es nur neu lernen. Einer der größten Irrtümer über das Barfußlaufen ist die fälschliche Annahme, das der Körper den Schock des Auftretens nicht verarbeitet und geschädigt wird, also muß man gepolsterte Schuhe tragen, um die Kräfte zu absorbieren. Oder Barfuß nur auf weichen Untergründen laufen. Das ist Unsinn.

Wenn man einmal begriffen hat, wie es geht, durch Selbstbeobachtung und Experimentieren, dann merkt man, daß der Körper sich um die Verteilung der Kräfte kümmert, über Fußgelenk, Knie, Hüfte und Wirbelsäule. Deshalb ist eine langsame Steigerung der Belastung sehr, sehr wichtig. Gelenke und Sehnen brauchen sehr lange, mitunter Jahre, um sich auf neue Belastungen ein zu stellen. Diese Zeit ist notwendig, um all die Jahre des Laufens in Schuhen und der Fehlbelastungen wett zu machen. Also jemand, der bereits erfolgreich einen Marathon gelaufen ist, kann nicht davon ausgehen, innerhalb kurzer Zeit dieselbe Strecke barfuß zu bewältigen. Wenn dieser Jemand bei seinem ersten Barfußversuch 500 Meter läuft, ist das erstmal genug. Laufen ohne Schuhe ist ganz, ganz anders!

Ganz wichtig: Aufrecht bleiben! Aus Angst irgendwo rein zu treten, neigt man anfangs dazu, immer direkt vor sich auf den Boden zu starren. Das ist zwar verständlich, aber kein aufrechter Gang, wofür wir Menschen ja im ganzen Tierreich berühmt sind. Also, Augen immer auf den Horizont. (An dieser Stelle möchte ich einfügen, daß ich in meiner ganzen Barfuß-Karriere noch niemals in etwas rein getreten bin, ok, einmal in Hundekackesmiley und ich hatte mal einen kleinen Glassplitter, aber sonst...nach und nach wissen die Füße, wo sie hintreten können, klingt seltsam, is aber so)

zu 2.

Die nächste Herausforderung ist, die verweichlichte Fußsohle an die Flut von neuen Eindrücken zu gewöhnen. Dazu schicke ich vorweg: Es braucht Zeit ! Auch hierbei nichts überstürzen. Für den Anfang könnte man sich zum Beispiel den nächsten Urlaub vornehmen und soviel Zeit ohne Schuhe verbringen, wie es nur geht. Langsam beginnen, langsam steigern. Dabei kann man feststellen, mit welchen Untergründen sich die Fußsohle zu befassen hat: hart, weich, rauh, steinig, glatt, warm, heiß, kalt, ... und man entdeckt vielleicht nach einem Spaziergang auf einem steinigen Waldweg, wie herrlich weich Beton sein kann !

Ein erster Indikator, wie viel Du aushalten kannst, ist folgendes Experiment: Besorg Dir eine Eierpappe (aus dem Supermarkt oder vom Bauern) und versuch sie langsam platt zu treten. Klingt simpel, hat es aber in sich.

Der Trick ist tatsächlich die langsame Gewöhnung. Genau wie die Muskulatur muß sich auch die schützende Hornhaut an der Sohle langsam entwickeln, sonst kann sie ihre Aufgabe nicht ordentlich durchführen.

Wichtig ist auch die Pflege: Nach jedem Barfußgang sollte man seine Füße nach dem Waschen genau in Augenschein nehmen: Wo sind Blasen, wo sind Kratzer oder Schnitte (sofort desinfizieren, am besten mit biologischen, ätherischen Ölen, keine billigen Weihnachtsmarkt-Mischungen! Sehr gut wirken Teebaumöl und Lavendelöl, welches auch besser riecht.). Außerdem schadet eine kleine Fußmassage überhaupt nicht, wiederum am besten mit einem guten, pflegenden Öl, z.B. Mandel- oder Jojobaöl, günstiger und genauso gut ist Olivenöl aus dem Küchenschrank.

zu 3.

Wenn man in der Öffentlichkeit ohne Schuhe unterwegs ist, ist man damit zwangsläufig im Fokus seiner Mitmenschen. Das ist eine Tatsache, mit der man zurechtkommen muß. Je nach Ausprägung des Selbstbewußtseins hat man damit mehr oder weniger ein Problem. Allerdings habe ich noch keine wirklich negativen Erfahrungen gemacht. Die meisten reagieren belustigt und/oder verwundert, vielleicht mit einem mehr oder weniger flachen Spruch ("Hasse kein Geld für Schuhe?" ist ein echter Klassiker.) Sommertags oder im Urlaub hat man auch mehr seine Ruhe als im Winter oder bei kaltem Regen. Was verständlich ist, da ein barfüßiger Mensch nun mal ein (noch) ungewöhnlicher Anblick ist. Also, freundlich bleiben, ein Lächeln hat noch niemandem geschadet.

Allerdings ist es in manchen Geschäften, Restaurants, Kneipen, Clubs etc. verboten, diese ohne Schuhe zu betreten, meistens aus Versicherungs-technischen Gründen, falls sich jemand verletzt.

Wenn ich in Innenstädten unterwegs bin, hab ich meistens ein Paar Flip Flops dabei, um für solche Fälle gerüstet zu sein. Ich ziehe sie aber auch freiwillig an, z.B. beim Betreten von öffentlichen Toiletten, denn das ist mir zu eklig.

Barfuß unterwegs sein bietet aber auch für denjenigen, der Lust dazu hat, öfter die Gelegenheit mit Leuten über das Wieso und Weshalb ins Gespräch zu kommen, und damit das Verständnis für diese natürliche Fortbewegungsweise zu fördern.


Minimalschuhe


Wem das ganze Füßsohlenabhärten zu viel ist, oder wer sich entschieden hat, das ganze Jahr über barfuß zu laufen, aber nicht in direkten Kontakt mit gefrorenem Boden oder Eis kommen will, oder wer einfach keine dreckigen Füße haben möchte dem seien sogenannte Minimal- oder Barfußschuhe anempfohlen, hier als erstes die Vibram Five Fingers. Diese bieten der Fußmuskulatur die Möglichkeit, sich zu entwickeln, ohne sich um kleine Steinchen, Glasscherben, Zigarettenkippen oder sonstwas Gedanken zu machen. Außerdem gibt es mittlerweile Modelle, welche robust genug sind, um einen 50km Trailrun auszuhalten.

Eine günstige Alternative sind die Jika Tabi, oder Japanschuhe (einfach bei Google eingeben), die bei mir auch schon den einen oder anderen Winter mitgemacht haben.

Allerdings muß ich zu bedenken geben, daß Laufen mit diesen Schuhen, obwohl eine Annäherung, kein Barfußlaufen ist. Es fehlt der direkte Bodenkontakt, über den der Fuß und damit der Körper alle Informationen bekommt, die er zum richtigen Laufen braucht, die es leicht und effektiv machen. Und einen dezenteren Eindruck macht man mit diesen Schuhen auch nicht unbedingt.smiley


Ok, soweit erstmal. Ich hoffe, mit diesem Eintrag einigen von Euch weitergeholfen zu haben. Bis demnächst...

Mark







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